Warum ist die Digitalisierung für Bibliothekare ein Geschenk des Himmels? Eine Bemerkung zur Mentalitätsgeschichte des Berufes
In den Universitätsbibliotheken dominieren heute digitale Publikationen. Gedruckte Bücher werden meist nur noch angeschafft, wenn es keine elektronische Alternative gibt oder besondere Gründe dafürsprechen.(Vgl. z. B. meinen Blogpost vom 2. Juni 2025) Um die Veränderungen in den Blick zu bekommen, die die Bibliotheken in den letzten zweihundert Jahren durchgemacht haben, versetzen wir uns einen Augenblick zurück in das Weimar der Goethe-Zeit.

Hier sind die Geheimen Räte Johann Wolfgang von Goethe und Christian Gottlob von Voigt kurz vor dem Jahr 1800 mit der Oberaufsicht über die Herzogliche Bibliothek betraut worden. Es war eine Zeit, in der der Buchmarkt boomte, die Bibliothek vielerlei Bücher anschaffte und das Interesse der Leser wuchs. 1808 erschien der erste Brockhaus unter dem Titel Conversations-Lexicon oder enzyklopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Diese „gebildeten Stände“ – mit unersättlicher Leselust und Neugier auf Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften, Kunst, Theater und Musik – sprengten die Grenzen der alten Ständeordnung. Sie umfassten nicht nur Adel und Gelehrte, sondern auch gebildete Kaufleute, Beamte und Handwerker.
Um dem wachsenden Andrang gerecht zu werden, führten Goethe und Voigt erstmals eine Bibliotheksordnung ein. Sie legten Mittwoch und Sonnabend von 9 bis 13 Uhr als Ausleihtage fest. Die Leihfrist betrug zwölf Wochen, mit der Möglichkeit zur Verlängerung und Vormerkung. Sogar „junge Leute“ durften Bücher ausleihen, wenn Eltern oder Lehrer den Leihschein unterschrieben.
Während sich diese neue, liberalere Nutzung etablierte, blieb die traditionelle Rolle der Bibliothek als Repräsentantin der Wissensordnung davon unberührt: Adelige Gäste des Herzogs und besondere Besucher wurden nach wie vor im Rokokosaal empfangen. In diesem Raum bilden Architektur, Kunstschätze und Bücher eine glanzvolle Einheit und beeindrucken die Betrachter.
Doch parallel zu dieser inszenierten Welt meldete sich die Stadtbevölkerung mit ihren Lektürewünschen immer lauter zu Wort. Weimar hatte damals 6500 Einwohner. Unter den 745 Personen, die zwischen 1797 und 1806 als Nutzer registriert waren, stellten Adelige und Hofbeamte ein gutes Drittel; fast zwei Drittel waren städtische Bürger, darunter viele Geistliche, Lehrer und Ärzte, aber auch Bedienstete wie Gärtner, Köche, Kleinhändler sowie Emigranten aus Frankreich. 14 Prozent der Nutzer waren weiblichen Geschlechts. Die noch vorhandenen Verzeichnisse dokumentieren penibel jeden Leihvorgang.
Die fünf Bibliotheksbediensteten standen dem Andrang äußerst reserviert gegenüber. „Was nun das Ausleihen der Bücher betrifft, so fängt es an damit sehr arg zu werden,“ klagt etwa der Erste Bibliothekar Christian August Vulpius in seinem Jahresbericht,1
Leute, die nicht wissen, was sie anfangen sollen, bestürmen die Bibliothek mit wöchentlichen, oft wiederholten Besuchen, raffen eine Menge Bücher zusammen, holen andre, bringen wieder, kommen noch einmal, fragen nach allem, was sie angezeigt gelesen haben, wünschen alles gleich warm aus der Presse weg zu haben, hineinzugucken – um es wieder zurück zu bringen. Dabei thun sie, als müsse das alles so ganz à la Leih- und Lesebibliothek gehen, bekümmern sich nicht um neue Einbände, nehmen sogar die Decken hinweg, die ich aus Vorsicht darum schlagen lasse, weil es die Leser nicht thun, halten nicht einmal die vorgeschriebene Zeit, und die bestimmten Tage, kommen, wann sie wollen und fangen Discourse an, um sich die Zeit zu verkürzen, die uns so teuer ist, wodurch wir nicht selten von den Arbeiten ganz abgehalten, oder doch in denselben gestört werden.
Nur widerwillig scheint der Bibliothekar die Wünsche der Leser erfüllt und gehofft zu haben, sich bald wieder wichtigeren Aufgaben widmen zu können.
Vor diesem historischen Hintergrund kann nun skizziert werden, wie es den Bibliotheken in den letzten 200 Jahren gelungen ist, die Wünsche des Publikums immer besser zu erfüllen. In Weimar verkürzte man zunächst die Leihfrist von zwölf auf acht und später sechs Wochen, um Bücher schneller zirkulieren zu lassen. Besonders gefragte oder schonungsbedürftige Werke wurden von der Ausleihe ausgeschlossen und mussten vor Ort eingesehen werden. Dafür richtete man Arbeitsplätze in der Bibliothek ein. Der Rokokosaal bot jedoch weder Tische noch Stühle oder Licht. Im Winter war er eisig, da er nicht beheizt werden konnte. Also wurde anfangs sehr provisorisch ein Tisch im Arbeitszimmer der Bibliothekare freigemacht. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begannen erste Bibliotheken damit, den Lesern einen längeren Arbeitsaufenthalt zu ermöglichen. Die Bibliothèque Sainte-Geneviève in Paris und die British Museum Library in London mit ihren modernen Lesesälen gehörten zu den Vorreitern, wie Ulrich Johannes Schneider anschaulich darlegt. Dank fortschrittlicher Haustechnik – Beleuchtung, Belüftung, Heizung, Garderoben und Sanitäranlagen – war jetzt ein ganzjähriger Lesesaalbetrieb in großem Stil möglich.2
Heute bringen Nutzer ihre Notebooks, Tablets oder Smartphones mit, um zu lesen, schreiben, suchen, spielen oder Filme zu schauen. Sie verbringen viel Zeit in der Bibliothek und stillen dort nicht nur wissenschaftliche, sondern auch soziale und physiologische Bedürfnisse. Der Durst wird mit der allgegenwärtigen Wasserflasche bekämpft, die Müdigkeit – manchmal sinkt der Kopf auf den Tisch – mit einem kurzen Nickerchen. Die Bibliothek ist ein Ort, an dem man sich lange aufhält und mit der ganzen Person präsent ist.
Die Rolle des Bibliotheksgebäudes hat sich grundlegend gewandelt. Früher waren Bibliotheken Orte für Bücher, heute sind sie Orte für Menschen. Zunächst kamen Leser, um Bücher auszuleihen, später auch, um sie vor Ort zu studieren. Heute sind Bibliotheken Schauplätze des Lernens, der Kreativität, der Begegnung und Zusammenarbeit, der Recherche und des Schreibens. Die Zahl der Besuche in den Universitäts- und Hochschulbibliotheken ist in den letzten 20 Jahren um über 40 Prozent gewachsen. Jedes Jahr zieht es laut Bibliotheksstatistik etwa 65 Millionen Menschen in die Lesesäle – mehr als fünfmal so viele wie in die Stadien der Fußball-Bundesliga.
Auch die Rolle des Bibliothekars hat sich verändert. Zu Vulpius’ Zeiten war er der Mittler zwischen Leser und Buch. Er allein kannte die Kataloge und die Standorte der Bücher. Heute gestaltet er die Abläufe so, dass Leser direkt und ohne seine Hilfe auf die gewünschten Werke zugreifen können. Wie an den Selbstbedienungskassen im Supermarkt verbuchen sie selber, was sie mitnehmen wollen. Nur wenn sie nicht weiterkommen, steht ihnen der Bibliothekar – meist ist es die Bibliothekarin – zur Seite. Immer häufiger übernehmen jedoch Chatbots die Auskunft. Das allmähliche Verschwinden des Bibliothekars als Intermediär wird von ihm aktiv gefördert.
Die größte Veränderung betrifft den Umgang mit Büchern. Schon früher wünschten sich Leser, das Buch „gleich warm aus der Presse“ zu bekommen. Heute stehen digitale Publikationen in beliebig vielen Exemplaren augenblicklich bereit. Ein Klick im Discovery-System macht es möglich, schon sind die E-Books auf dem Notebook. Es gibt kein Mengenproblem mehr, höchstens ein Kostenproblem, wenn die Bibliothek Lizenzgebühren pro Zugriff zahlen muss. Niemand muss mehr warten, bis der Bibliothekar die Signatur ermittelt und der Bibliotheksdiener das Buch vom obersten Brett eines hohen Regals heruntergeholt hat.
Die digitale Revolution hat also viele Probleme der alten Bibliothek gelöst:
- die Knappheit der Bücher,
- die Knappheit der Stellflächen
- die Knappheit der Arbeitsplätze für Leser und
- die Knappheit der Arbeitszeit der Bibliothekare.
Selbst der Verschleiß der Bücher ist kein Thema mehr. Die Schutzdecken, die Vulpius um neue Einbände legen ließ, sind überflüssig. Digitale Publikationen nutzen sich nicht ab. Vor dieser Folie wird deutlich, warum die Bibliothekare den Übergang vom gedruckten Buch zur digitalen Publikation als Geschenk des Himmels so euphorisch begrüßt haben. Allerdings waren damit längst nicht alle Probleme gelöst. Aber das ist ein anderes Thema.
- Jahresbericht 1812, abgedruckt bei Otto Lerche: Goethe und die Weimarer Bibliothek, Leipzig 1929, S. 122. [↩]
- Ulrich Johannes Schneider: Atmen beim Lesen. Bibliotheken im Industriezeitalter, Wien: Turia & Kant 2024 – u.ö. [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (29. Juni 2026). Warum ist die Digitalisierung für Bibliothekare ein Geschenk des Himmels? Eine Bemerkung zur Mentalitätsgeschichte des Berufes. Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16h9t

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