Vom Verschwinden der DDR-Verlage – Gespräch mit Christoph Links über sein neues Buch (1/3)
Zum Ende der DDR gab es nur noch 78 zugelassene Verlage, obwohl ursprünglich viel mehr von der Sowjetischen Militäradministration nach 1945 eine Genehmigung erhalten hatten. Christoph Links hat die Geschichte aller 150 verschwundenen Verlagen recherchiert und geht in seinem neuen Buch Verschwundene Verlage – Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte (1945 – 1990) der Frage nach, wann, warum und wie sie zu existieren aufhörten. Dahinter steht die grundsätzliche Frage, mit welchen Mitteln und Methoden die SED-Führung im Bereich der Kulturwirtschaft agierte, wie sie geistige und wirtschaftliche Konkurrenz aus dem Wege räumte, um für die bevorzugten Firmen finanziell ertragreiche Monopolstellungen zu schaffen. Christoph Links ist Verlagshistoriker, Publizist und war Verleger des gleichnamigen Sachbuchverlags.

Michael Knoche: Lieber Christoph, Du berichtest über verschwundene Verlage in der DDR, hast aber selber noch im alten System einen neuen gegründet. Wie war das möglich?
Christoph Links: Ich habe im Frühjahr 1989 einen ersten Versuch gemacht, in der DDR einen unabhängigen Verlag für zeitgeschichtliche Sachbücher zu gründen. Es sollte ein Genossenschaftsverlag werden, weil Privatunternehmen nicht statthaft waren. Ich habe einen Antrag ans Kulturministerium gerichtet und bekam daraufhin eine Einladung zum Gespräch. In der Abteilung Buchhandel und Verlage erklärte man mir, die DDR hätte aber doch schon 78 Verlage und für einen 79. würden das Papierkontingent und die Druckkapazitäten nicht ausreichen. Das Ansinnen wurde abgelehnt. Zur gleichen Zeit waren in der Bundesrepublik 1800 Verlage tätig. Im Herbst 1989 fand vor meiner Haustür an der Gethsemane-Kirche in Ost-Berlin eine Revolution statt. Ich war dabei und habe an dem Tag, an dem in der DDR die Zensur abgeschafft wurde, am 1. Dezember 1989, einen neuen Antrag an das Kulturministerium gerichtet. Kurz vor Weihnachten erhielt ich die Rückmeldung, dass zum 1. Januar 1990 die Pflicht zur zentralen Zulassung für Verlage abgeschafft werde. Am 5. Januar 1990 waren Peter Richnow und ich beim Notar und haben mit einem Startkapital von 20.000 DDR-Mark die GmbH gegründet.
Was war der Anlass, sich nun mit dem Thema der verschwundenen Verlage zu beschäftigen?
Im Jahr 2009 hatte ich ein Buch veröffentlicht, das sich mit den DDR-Verlagen nach der deutschen Einheit befasst hat, also mit dem Verkauf durch die Treuhand-Anstalt und ihrer weitgehenden Abwicklung (Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. Ch. Links, 2. Auflage, Berlin 2010). Von den 78 Verlagen ist nur ein Dutzend übriggeblieben. Der Ausverkauf im Verlagswesen war noch einschneidender als in anderen Branchen. Nur noch 2 Prozent der Buchproduktion kommt aus Ostdeutschland. Bei der Gelegenheit habe ich mich gefragt, ob es in der DDR eigentlich immer schon so wenig Verlage gegeben hat.
Wie bist Du vorgegangen?
Ich habe zunächst ermittelt, wie viele Verlage es in der Zeit vor 1933 gegeben hat. In Ostdeutschland waren es über 1000, davon allein in Leipzig 300. Nach 1945 hatten die Alliierten zunächst alle Zeitungs- und Buchverlage in Deutschland verboten, um den nazistischen Geist aus den Köpfen zu vertreiben. In allen vier Besatzungszonen brauchten Verleger neue Lizenzen. Im Osten lief die Zulassung sehr langsam an, weil die Sowjetische Besatzungsmacht zunächst ihr eigenes Modell verwirklichen wollte, nach dem es nur für Regierung, Organisationen und Parteien ein Recht auf Verlagsgründung geben sollte, aber nicht für Privatpersonen. Daher wurde im Osten zunächst der Verlag Volk und Wissen zugelassen, der der Zentralverwaltung für Volksbildung unterstand, der KPD-Verlag Neuer Weg (später Dietz-Verlag) und der Aufbau-Verlag des Kulturbundes. Dann wurde der Militärverwaltung aber klar, dass wichtige Verlage im Bereich Medizin, Technik, Natur- und Ingenieurwissenschaften in die Westzonen abzuwandern drohten. Daher erhielten bis 1949 (Gründung der DDR) doch über 200 Verlage eine Lizenz, darunter wichtige Privatverlage. Einige sind später noch hinzugekommen, insgesamt waren 230 aktiv. Ich wollte wissen, was aus ihnen geworden ist, wenn am Ende der DDR nur noch 78 übrig waren.
Während die Lizenzierungspolitik in den Westzonen mit der Gründung der Bundesrepublik endete, hatte die DDR offensichtlich ein Interesse daran, die Zulassung noch zu verschärfen.
Im Jahr 1951 wurde das Amt für Literatur- und Verlagswesen gebildet, das alle bisher erteilten Lizenzen für ungültig erklärte. Alle Verlage mussten neue Anträge stellen, sonst hätten sie nicht weiter publizieren dürfen. Bei dieser Gelegenheit wurden 50 Privatverlage ihrer Existenz beraubt. Das fiel in die Zeit des „beschleunigten Aufbaus des Sozialismus“ vor dem 17. Juni 1953. Staatliche und parteieigene Verlage sollten den Markt bestimmen.

Ein Opfer dieser Politik war z.B. der Felix Meiner Verlag, der von Leipzig nach Hamburg umzog. Ist nicht auch Harrassowitz bei dieser Gelegenheit abgewandert?
Harrassowitz konnte seine buchhändlerische Tätigkeit in Leipzig schon Ende 1945 wieder aufnehmen, aber neben vielen anderen Problemen funktionierte die internationale Versandtätigkeit von Leipzig aus kaum. Zur Firma gehörte auch ein großes Antiquariat. Deshalb wurde 1948 in Wiesbaden eine Zweigniederlassung errichtet. Die DDR hat das Leipziger Unternehmen 1951 zunächst unter Treuhandschaft gestellt und bald darauf verstaatlicht, wie es mit anderen Parallelverlagen – ein Verlagsteil war im Osten, einer im Westen – in der Regel auch geschah.
Was hieß das für den Verlagsteil im Osten?
Während der Treuhänderschaft hat man, wie üblich, in den Verlagsunterlagen nach möglichem Fehlverhalten der alten Eigentümer gesucht. Wenn man etwa illegale Geschäfte mit dem Westen entdeckt zu haben glaubte, wurde der Verlag verstaatlicht, zumal wenn er den westlichen Teil des Verlagsgeschäfts zum Hauptsitz erklärt hatte. Das bedeutete entweder die Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb (VEB) oder Schließung, je nach Attraktivität des Verlagsprogramms für den Staat, sei es für die Hochschulausbildung oder den Export. Harrassowitz z.B. kam als Unterabteilung an das bereits verstaatlichte Bibliographische Institut.
Redigierte Teilwiedergabe eines öffentlichen Gesprächs in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 15. April 2026. Fortsetzung folgt.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (8. Juni 2026). Vom Verschwinden der DDR-Verlage – Gespräch mit Christoph Links über sein neues Buch (1/3). Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 12. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16d0m

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[…] Christoph Links geht in seinem neuen Buch Verschwundene Verlage – Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte (1945 – 1990) der Frage nach, wann, warum und wie sie zu existieren aufhörten. Die SED-Führung hat im Bereich der Kulturwirtschaft aber nicht nur geistige und wirtschaftliche Konkurrenz aus dem Wege geräumt, sondern in einigen Fällen auch neue Verlage gegründet. Der Arion Verlag in Weimar ist dafür ein Beispiel. Christoph Links ist Verlagshistoriker, Publizist und war Verleger des gleichnamigen Sachbuchverlags. Der 1. Teil des Gesprächs ist wiedergegeben im Blog vom 8.6.2026. […]
[…] des gleichnamigen Sachbuchverlags. Die bisherigen Teile des Gesprächs sind abgedruckt im Blog vom 8. Juni und 15. Juni 2026. Abschließend geht es u.a. um die Frage, ob die bis heute so geringe […]