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Warum ist die Verlagsproduktion im Osten bis heute so erschreckend gering? Gespräch mit Christoph Links über sein neues Buch (3/3)

Christoph Links geht in seinem neuen Buch Verschwundene Verlage – Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte (1945 – 1990) der Frage nach, wann, warum und wie so viele ostdeutsche Verlage zu existieren aufhörten. Christoph Links ist Verlagshistoriker, Publizist und war Verleger des gleichnamigen Sachbuchverlags. Die bisherigen Teile des Gesprächs sind abgedruckt im Blog vom 8. Juni und 15. Juni 2026. Abschließend geht es u.a. um die Frage, ob die bis heute so geringe Verlagsproduktion im östlichen Teil Deutschlands mit dem großen Kahlschlag zu DDR-Zeiten zu tun hat.

Im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Christoph Links links
Im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Christoph Links links. Klassik Stiftung Weimar, Fotothek, Foto: Susanne Marschall

Michael Knoche: Verlage konnten also aus ganz unterschiedlichen Gründen von der Bildfläche verschwinden. Kannst Du die Gründe dafür noch einmal rekapitulieren?

Christoph Links: Neben der nicht immer freiwilligen Verlegung in den Westen (z.B. Karl Rauch) gab es die verordnete Fusion (z.B. Arion). Das waren zwei typische Gründe.

Im Buch wird für verordnete Fusion auch der Robert Birkner Verlag in Apolda genannt, ein Fachverlag für das Strickereiwesen.

Wirkliteratur! Ein dritter Grund für das Verschwinden war ein Verlust der Lizenz, wie im Buch etwa am Beispiel des Engelhard-Reyher Verlags, Gotha, dargelegt. Ein vierter Grund war die erzwungene Schließung wie im Fall des Alexander Duncker Verlags, der aus politischen Gründen seine Tätigkeit einstellen musste.

Wie sah die geografische Verteilung der Verlage aus?

Im Zuge des Konzentrationsprozesses verblieben 32 in Leipzig und 35 in Ost-Berlin. Die restlichen 11 Verlage verteilten sich auf die anderen Regionen, darunter Halle, Weimar, Rostock, Dresden.

Warum legte man so viel Wert auf eine möglichst kleine Zahl von Verlagen?

Hintergrund der Beschränkung war, dass sich die Verlage kein Absatzgebiet streitig machen sollten. Außerdem brauchte jedes Manuskript eine Druckgenehmigung, um in ein Buch verwandelt zu werden. Daher hatte auch die Zensurbehörde Interesse an einer überschaubaren Zahl von einreichenden Stellen. Schließlich war auch die politische Kontrolle durch die jeweilige Bezirksleitung der SED bei einer kleinen Zahl leichter.

Du hast am Anfang unseres Gesprächs mit Recht darauf hingewiesen, dass viele Verlage der DDR die Wende nicht überlebt haben. Nach dieser Bilanz gehört aber auch zur Wahrheit, dass es den allergrößten Kahlschlag schon in der DDR-Zeit gegeben hat.

Wenn heute die Verlagsproduktion im Osten so erschreckend gering ist, ist das ein Ergebnis der doppelten Aussortierung: einmal durch die DDR-Politik (von den insgesamt 230 Verlagen sind etwa 150 auf der Strecke geblieben), dann durch die Privatisierungspolitik der Treuhand, der noch einmal 70 Verlage zum Opfer fielen. Das bedeutet eine Verengung des Angebots und eine geringere Publikationschance für Autoren in dieser Region.

Frage aus dem Publikum: Sie haben vier Gründe für das Verschwinden der Verlage aufgezählt. Ist es nie vorgekommen, dass ein Verlag wegen Unrentabilität geschlossen werden musste?

Unter den 150 untersuchten Verlagen hat es tatsächlich eine Pleite gegeben. Der Berliner Chery Verlag, der eine Lizenz für das Berliner Modeblatt bekam. Der Eigentümer Chery Carl Gessinger erwirtschaftete schnell einen Gewinn von über 100.000 RM, verjubelte aber das Geld mit seinen Models in den Nachtbars auf dem Ku’damm in Westberlin. Die Steuer- und Sozialabgaben führte er nicht ab, sodass er schon 1946 zahlungsunfähig war und die Lizenz wieder verlor. Das war der einzige Fall, in dem die meist zerstrittenen vier Besatzungsmächte einig waren, ihm auch in West-Berlin keine neue Lizenz zu erteilen.

Frage aus dem Publikum: Welche Rolle spielte das DDR-Buch als Exportartikel?

Christoph Links: Verschwundene Verlage. Berlin 2026 (Cover)
Christoph Links: Verschwundene Verlage. Berlin 2026. 488 S., 35 €. ISBN 978-3-96289-241-8

Die DDR-Druckereien haben schon immer für West-Verlage gedruckt. Der Buchexport durch Verlage wurde angesichts der Devisenschwäche zunehmend wichtig. Das war z.B. der Anlass für die Gründung der Edition Leipzig. Die Verlage wurden angehalten, neben der eigenen Auflage auch ein Kontingent für einen West-Partner mitzudrucken, wobei die ersten vier Seiten mit dem Impressum ausgetauscht werden konnten. Die Exportorientierung führte in den 1980er Jahren bei den Werkausgaben von schöner Literatur dazu, dass die DDR-Verlage auf ihre ideologischen Nachworte mit Erläuterung der jeweiligen Klassenkampfsituation verzichteten. Die komplette Auflage sollte auch im Westen verkäuflich sein. In der Bundesrepublik fand die Ausbildung in Mathematik teilweise mit einem russischen Mathematik-Buch aus dem VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften statt. Nur ein Verlag, der neben den geplanten Verkäufen auf dem einheimischen Markt auch den Exportplan erfüllt hatte, bekam die Zuweisung für die Jahresendprämie, die an die Mitarbeiter ausgezahlt wurde.

Wir sehen, wie recht doch Friedrich Schiller hatte, als er an seinen Verleger Cotta schrieb: „Die Zerstreuung eines Buches durch die Welt ist fast ein ebenso schwieriges Werk als die Verfertigung desselben.“


Redigierte Teilwiedergabe eines öffentlichen Gesprächs in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am 15. April 2026. (Schluss)

Michael Knoche
Michael Knoche
Michael Knoche war von 1991 bis 2016 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehört: Revolution… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (22. Juni 2026). Warum ist die Verlagsproduktion im Osten bis heute so erschreckend gering? Gespräch mit Christoph Links über sein neues Buch (3/3). Aus der Forschungs­bibliothek Krekelborn. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16g6v


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