Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

Ein Markstein in der Baugeschichte von Bibliotheken: die Rotunde in Wolfenbüttel (1/2)

Eine Buchbesprechung

Warum sollte man sich heute mit einem Bibliotheksbau befassen, der 1711 vollendet, 1723 bezogen und 1887 wegen Baufälligkeit und Brandgefahr abgerissen wurde? Er prägte nicht einmal den Stil späterer Bibliotheken – abgesehen vielleicht von Johann Bernhard Fischer von Erlachs Hofbibliothek in Wien (1726). Dennoch gibt es gute Gründe, sich für diese verschwundene Architektur mit dem ovalen Grundriss und der markanten Kuppel zu interessieren: Die Form der Herzoglichen Bibliothek Wolfenbüttel war einzigartig. Zudem war der Neubau der erste im Europa der Frühen Neuzeit, der eigens für eine Bibliothek entstand.

Wolfenbüttel, Bibliotheksbau von Korb mit Lessinghaus. Unbekannter Fotograf, 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts
Wolfenbüttel, Bibliotheksbau von Korb mit Lessinghaus. Unbekannter Fotograf, 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Foto: HAB, Abb. aus dem Buch

Diese Feststellung wirft viele weitere Fragen auf: Wer gab die Anregung, und welches Ziel verfolgte er? War Gottfried Wilhelm Leibniz der Ideengeber des Entwurfs, wie oft behauptet wird, obwohl Hermann Korb als Baumeister feststeht? Welches Verständnis von Bibliothek spiegelt das außergewöhnliche Gebäude wider? Welchen Effekt hat die ovale Form auf die Wahrnehmung der Sammlung? Und warum entstand dieses Bauwerk ausgerechnet in Wolfenbüttel, fernab akademischer Zentren und großer Städte?

Lange musste man Ingrid Becker-Kotullas verdienstvollen Aufsatz über die Baugeschichte Wolfenbüttels heranziehen, um Antworten zu finden. Doch er widmete Hermann Korbs Bau nur einen Abschnitt und brachte den Wissensstand von vor über vierzig Jahren zum Ausdruck.1 Ein neuer Sammelband beleuchtet den Bau nun aus verschiedenen disziplinären Perspektiven – Geschichtswissenschaft, Architektur- und Kunstgeschichte, Mathematik – und erweitert unser Wissen erheblich. Er ordnet die Architektur konsequent in die Diskurse des Barocks ein und eröffnet so neue Einsichten.

Wolfenbüttel Schnitt von Anton August Beck von 1766
Wolfenbüttel, Schnitt von Anton August Beck von 1766. Foto: Wikimedia Commons

„Wer durch das äußere Tor eingetreten ist,“ so beschreibt ein zeitgenössischer Besucher seine Eindrücke beim Betreten der neuen Bibliothek, „der trifft beiderseits zur rechten wie zur linken Seite auf Treppen, die den Weg zum Eingang der Bibliothek selbst im gleichen Abstand weisen. Nun durch die innere Tür eintretend, präsentiert sich ein äußerst kostbarer Schatz an Büchern im Inneren, aufgereiht in ovalen Regalen, und alle Bücher präsentieren sich in diesem geräumigen Raum vor den Augen der Betrachter, um sich in größtem Genuss der Seele betrachten zu lassen. Die bis zum Dach gebauten Bücherregale sind auf beiden Seiten gefüllt, und hinter ihnen, durch einen Gang getrennt, stehen ringsherum weitere Regale. […] Beim Verlassen durch die Türe entdeckt man wieder Treppen, die im gleichen Abstand zum oberen Stockwerk führen. Und dieses entspricht genau dem unteren, außer dass in der Mitte ein leerer Raum gelassen wurde, so dass jemand, der unten in der Mitte steht, mit seinen Augen hier hindurchsehen und Bücher sowohl im unteren als auch im oberen Gang deutlich erkennen kann.“2

Mit Recht betont Hole Rößler in seinem einleitenden Aufsatz, in dem er diese Äußerung zitiert, dass die Bücher nunmehr das zentrale Element der Raumgestaltung bildeten. „Das Oval präsentierte die Büchermasse und vergrößerte sie noch, indem sie ein nicht gänzlich sichtbares ‚Mehr‘ erahnen ließ.“ Korb schuf eine Bibliothek, die auf „Splendeur“ angelegt war. Sie richtete sich eher an Schaulustige als an Leser. Der wilhelminische Neubau von 1887, der nach dem Abriss entstand, markierte einen neuen Wendepunkt: Die Bücher verschwanden – übrigens gegen den Willen des Oberbibliothekars Otto von Heinemann – in Magazinen. Von da an bis zum Umbau (1961-1971) unter Erhart Kästner und Paul Raabe beeindruckten, wenn überhaupt, nur noch das Gebäude, nicht mehr die Bücher. Erstaunlich bleibt, dass der Verlust des Korbschen Baus noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts dazu führte, seine Grundidee in einem Entwurf für den Erweiterungsbau der Bibliotheca Augusta wieder aufzugreifen. Doch dieser Plan wurde nie realisiert. Rößlers kurze Geschichte des Gebäudes endet nicht 1887, sondern verfolgt sein Nachleben bis heute – bis zum Corporate Design der Herzog August Bibliothek der jüngsten Vergangenheit.

Oval der Bücher - Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde
Das Oval der Bücher – Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde. Hrsg. von Achim Ilchmann und Hole Rößler. Wiesbaden: Harrassowitz 2025. 232 S. (Wolfenbütteler Forschungen Bd. 182.) ISBN: 978-3-447-12470-6. € 59,00

Simon Paulus verweist in seinem Beitrag „Hermann Korb und der Wolfenbütteler Bibliotheksbau – Zur Rehabilitierung eines originellen Baumeisters“ die Behauptung, Leibniz habe an der architektonischen Konzeption mitgewirkt, ins Reich der Legende. Das Problem ist, dass Planungsunterlagen aus der Entwurfsphase nicht mehr erhalten sind. Die Zuschreibung an den Philosophen und Bibliothekar ging stets mit einer Herabsetzung des Baumeisters Hermann Korb einher, dem, einem gelernten Tischlermeister, eine so originelle Entwurfsidee nicht zugetraut wurde. Paulus kann aber zeigen (sich auch auf Untersuchungen von Peter Bessin stützend), dass an der Urheberschaft Korbs aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen bei über 120 Bauprojekten, u. a. der Trinitatis-Kirche in Wolfenbüttel, kein Zweifel angebracht ist.


zuerst leicht verändert in: In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 73 (2026) Heft 2/3, S. 178-180. Fortsetzung folgt.

  1. Ingrid Recker-Kotulla: Zur Baugeschichte der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, in: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek 6 (1983), S. 1-73. [↩]
  2. Rudolf Anton Fabricius (Präs.), Friedrich Georg Appun (Resp.): Dissertatio Historico-Litteraria de Transpositione Bibliothecarum Memorabili. Helmstedt: Schnorr [1724], S. 60 f. [↩]
Michael Knoche
Michael Knoche
Michael Knoche war von 1991 bis 2016 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehört: Revolution… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (6. Juli 2026). Ein Markstein in der Baugeschichte von Bibliotheken: die Rotunde in Wolfenbüttel (1/2). Aus der Forschungs­bibliothek Krekelborn. Abgerufen am 16. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16iuz


Das könnte dich auch interessieren …

Eine Antwort

  1. 14. Juli 2026

    […] vom 6. Juli 2026) Eher noch als Leibniz dürfte Herzog Anton Ulrich ein starker Einfluss auf seinen eigenen […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.