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Ein Markstein in der Baugeschichte von Bibliotheken: die Rotunde in Wolfenbüttel (2/2)

Eine Buchbesprechung

(Forts. vom 6. Juli 2026) Eher noch als Leibniz dürfte Herzog Anton Ulrich ein starker Einfluss auf seinen eigenen Repräsentationsbau zuzubilligen sein. Dafür spricht nicht nur die Summe von 195.000 Talern – etwa ein Drittel der jährlichen Staatseinnahmen –, die er dafür aufbrachte, sondern auch sein nachweisliches Interesse an der Baukunst. In seinem Schloss Salzdahlum richtete er etwa eine Spezialbibliothek mit Kunstliteratur und Architekturtrakten an. Meinrad v. Engelberg führt in seinem besonders aufschlussreichen Beitrag den Entwurf des Gebäudes auf die Persönlichkeit des Herzogs und die lokale bibliophile Tradition zurück, die sich im Streben nach einem Alleinstellungsmerkmal vereinten. Er hebt zudem Bauelemente hervor, die sich als allegorische Verherrlichung des Fürsten lesen lassen, etwa den Himmelsglobus auf der Bibliothek. „Unbestritten bleibt,“ so das Fazit des Autors, „dass der Bau eine Tür aufgestoßen hat: Er realisiert zum ersten Mal einen Gebäudetypus, der vorher noch kaum bedacht und nach heutiger Kenntnis noch nie umgesetzt war.“

Wolfenbüttel: Herzogliche Bibliothek. Unbekannter Maler, Das alte und das neue Bibliotheksgebäude sowie Lessinghaus. Aquarell, undatiert, ca. 1886/1887
Wolfenbüttel: Herzogliche Bibliothek. Unbekannter Maler, Das alte und das neue Bibliotheksgebäude sowie Lessinghaus. Aquarell, undatiert, ca. 1886/1887. Foto: Braunschweigisches Landesmuseum. Abb. aus dem Buch

Die Mathematiker Achim Ilchmann und Angelo A. Mazzotti enthüllen das Konstruktionsprinzip des Ovals, einer Form zwischen Kreis und Ellipse: In das 4:3-Rechteck des Gebäudes wird eine geschlossene Linie mit vier Zentren eingefügt. Die Zentren sind die von vier Kreissegmenten, welche glatt aneinanderstoßen und symmetrisch bezüglich der horizontalen und der vertikalen Achse sind. So erscheint das Korb’sche Oval als geometrisch einfach, leicht zu konstruieren und zugleich ästhetisch „lebendig“. (Es handelt sich nicht um eine Ellipse, die zwar einem Oval ähnelt, sich aber mathematisch grundlegend davon unterscheidet. Eine Ellipse entsteht durch einen Kegelschnitt, ihre Krümmung ändert sich ständig. Beim Oval bleibt die Krümmung hingegen abschnittsweise konstant.)

Achim Ilchmann, der schon mit einer augenöffnenden Studie über die Baugeschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek hervorgetreten ist,1 widmet sich in einem eigenen Beitrag der ästhetischen Qualität des im Barock so beliebten Ovals. (Auch in Weimar war dies ein Thema, obwohl der Rokokosaal eine Sonderform zeigt: ein paralleles Oval, das aus einem Rechteck mit angesetzten Halbkreisen an den kurzen Seiten besteht.) Ausgehend von Sebastiano Serlio, dem einflussreichen Architekturtheoretiker des 16. Jahrhunderts, und philosophischen Positionen erklärt er die Faszination für diese geometrische Form nicht aus der mathematischen Figur, sondern aus dem dialektischen Zusammenspiel von Naturschönem (Regelhaftigkeit, Symmetrie) und Kunstschönem (geistige Einbildungskraft). Am Vierzentren-Oval Korbs zeigt er, wie eine besonders klare, ökonomische Konstruktion mit festen Regeln einen starken Eindruck erzeugt. In dem ausgeführten Entwurf wird dieses formal Schöne Teil einer umfassenderen architektonischen Gesamtwirkung, die erst im Zusammenwirken mit Funktion, Material und Raumorganisation vollständig erfahrbar wird.

Wolfenbüttel, Herzogliche Bibliothek von Hermann Korb. Fotograf Carl Sternitzky, 1887. Foto: HAB. Abbildung aus dem Buch

Die Anziehungskraft, die der Raum auf die Betrachter ausgeübt hat, lässt sich durch zahlreiche historische Zeugnisse belegen, wie Hole Rößler in seinem Beitrag „Dies Gebäude überrascht durch seine kühne Bauart“ ausführt. In den gut 150 Jahren seines Bestehens trugen sich mehr als 30.00 Personen in die Besucherbücher ein, und viele davon haben ihre Eindrücke auch in Reiseberichten oder Briefen mitgeteilt. Neben dem Oval findet auch die Lichtführung durch die Kuppel viel Bewunderung.2 Kurioserweise ist es ausgerechnet Giacomo Casanova, der nach seinem achttägigen Aufenthalt in Wolfenbüttel vor allem die Sammlung und die Bibliothekare lobt, aber kein Wort über das Gebäude verliert. Rößlers Bericht bringt zudem bisher unbeachtete Quellen ans Licht.

Das abschließende und umfangreichste Kapitel von Achim Ilchmann und Hole Rößler („Aus lauter Zirkelstücken zusammen gesetzt“) rekonstruiert den Wissensstand über das Oval, der in Wolfenbüttel bis zu den Tagen Hermann Korbs existiert haben könnte. Dafür analysieren die Autoren 40 Schlüsseltexte – Architekturtraktate oder mathematische Abhandlungen mit architektonischem Bezug – aus mathematikgeschichtlicher Perspektive und kommentieren sie größtenteils. Die Liste reicht von Cesare Cesariano und Albrecht Dürer bis zu Leonhard Christoph Sturm und Antoine Joseph Dézallier d’Argenville. Zudem geben sie an, wann die jeweiligen Werke in die Wolfenbütteler Bibliothek gelangten und ob sie damals ausgeliehen wurden. Mithilfe der Zugangs- und Ausleihbücher gelingt es auf diese Weise, die tatsächliche lokale Relevanz zu belegen.

Oval der Bücher - Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde
Das Oval der Bücher – Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde. Hrsg. von Achim Ilchmann und Hole Rößler. Wiesbaden: Harrassowitz 2025. 232 S. (Wolfenbütteler Forschungen Bd. 182.) ISBN: 978-3-447-12470-6. € 59,00

Vorbildlich sind die Querverweise innerhalb des Buches und die Bezüge auf andere Beiträge desselben Bandes. Fast 100 teils farbige Abbildungen ergänzen den Text und erhöhen die Anschaulichkeit. Wenn sich die Herausgeber auch noch für einheitliches Literaturverzeichnis am Schluss, das die Grundlage für eine Forschungsbibliographie hätte bilden können, statt der Zitatnachweise in Fußnoten entschieden und das Register auf Vollständigkeit hin angelegt hätten, wäre kein Wunsch unerfüllt geblieben. Mit dem neuen Sammelband erfährt der Korbsche Bibliotheksbau endlich die Aufmerksamkeit, die dieser Markstein der Bibliotheksbaugeschichte verdient.

[Schluss]


zuerst leicht verändert in: In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 73 (2026) Heft 2/3, S. 178-180.


Die Forschungsbibliothek Krekelborn macht Sommerpause bis zum 31. August 2026.

  1. Achim Ilchmann: Das Rokoko in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Wiesbaden: Harrassowitz 2023. 325 S. [↩]
  2. Vgl. Bitte eintragen! Die Besucherbücher der Herzog August Bibliothek 1667-2000. Hrsg. von Hole Rößler und Marie von Lüneburg. Wolfenbüttel 2021. [↩]
Michael Knoche
Michael Knoche
Michael Knoche war von 1991 bis 2016 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehört: Revolution… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (13. Juli 2026). Ein Markstein in der Baugeschichte von Bibliotheken: die Rotunde in Wolfenbüttel (2/2). Aus der Forschungs­bibliothek Krekelborn. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16kjm


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