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Ein geglücktes Leben – Nachruf auf Klaus G. Saur

Es ist zwei Jahre her, dass Klaus Saur seine Weimarer Freunde zum Abendessen ins Hotel Elephant einlud. Mit ihm waren wir zu siebt. Es war ein schöner Sommerabend. Man konnte auf der Terrasse sitzen und die laue Luft genießen. Wie immer in seiner Gesellschaft gab es vorab ein Gläschen Champagner. Nach der Vorspeise klopfte der Gastgeber an sein Glas, stand auf und kündigte an, eine Rede zum Thema „Meine größten Erfolge“ halten zu wollen.

Die Versammelten schauten bei dieser forschen Ansage und der Positur, die der Redner trotz des kleinen Kreises einnahm, etwas verlegen auf ihren Teller. Wer ihn kannte, wusste, dass Reden zu seiner zweiten Natur geworden waren. Aber was kam jetzt? Nicht befürchten musste man, dass seine Ausführungen langweilten. Er sprach immer mit Lust an der Pointe und Freude darüber, dass andere ihm zuhörten. Auch wenn langjährige Weggenossen manche Anekdote schon kannten – ihm machte das nichts und den Zuhörern auch nicht. Er beherrschte die überaus seltene Kunst, bei allem Stolz auf die eigenen Erfolge nicht selbstgefällig zu sein. Davor bewahrte ihn die Selbstironie.

Klaus Saur bei einem Vortrag vor der Bayerischen Akademie der Schönen Künste am 27. Januar 2021. Videostill
Klaus Saur bei einem Vortrag vor der Bayerischen Akademie der Schönen Künste am 27. Januar 2021. Videostill.

Die großen Taten des Verlegers kamen wirklich zur Sprache. Bei seinem ersten selbständig konzipierten Verlagswerk, dem Internationalen Verlagsadressbuch, für das er die Druckvorlage mit Schreibmaschine erstellte, sei er zum Beispiel entgegen der Ankündigung nur auf 360 statt 600 Seiten gekommen – bei einem stolzen Ladenpreis von 88 DM. Da habe er den Text einseitig gedruckt und die jeweils linke Seite für Notizen freigehalten, was die Kunden für eine innovative Idee hielten. Trotz der vielen Fehler – der Verlag Hoffmann & Campe sei unter „Hoffmann & Crampe“ verzeichnet gewesen – wäre das Nachschlagewerk ein Überraschungserfolg geworden. In diesem Stil folgte eine heitere Anekdote auf die andere. Typisch für ihn, dass er auch die größten Verlustobjekte seines Verlages aufzählte. Die Liste reichte vom Allgemeinen Künstlerlexikon (Thieme-Becker) in 160 Bänden bis zum British Library General Catalogue in 366 Bänden.

Die Kellner schauten mehrmals um die Ecke, um das Hauptgericht aufzutragen, drehten dann aber diskret wieder ab, als sie sahen, dass der Vortrag immer noch andauerte. Was ihn, Klaus Saur, schon damals von seiner Krankheit gezeichnet, zu dem Auftritt bewogen hatte, war uns in diesem Moment nicht so recht klar. Es war ein unilaterales, aber umso denkwürdigeres Beisammensein.

Bis zu seinem 25. Lebensjahr – das hat Klaus Saur nie verschwiegen – hat er unter seinem autoritären Nazi-Vater gelitten. Abitur und Studium blieben ihm verwehrt. Sein Unternehmen von Weltgeltung im Informationssektor hat er auch so aufgebaut. Einen schöneren Beruf als den des Verlegers hätte er nicht ergreifen können, bekannte er einmal. Er habe ihn mit Tausenden von Autoren, Wissenschaftlern, Herausgebern, Bibliothekaren und Buchhändlern zusammengebracht. In seiner Autobiographie Traumberuf Verleger lieferte er die ausführliche Begründung dafür.[1]

Trotz dieses Bekenntnisses zum Verlagsbuchhandel hat er aus seiner Faszination für das Bibliothekswesen nie einen Hehl gemacht. In seiner Jugend wollte er sogar einmal eine Bibliothekarsausbildung beginnen, scheiterte aber an der Aufnahmeprüfung. Dafür wurde er später Ehrenmitglied sowohl des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare als auch der IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) und erhielt außerdem den Publizistenpreis des Deutschen Bibliotheksverbands. Schon 1958, da war er noch keine 17 Jahre alt, besuchte er mit seinem Vater die Deutsche Bücherei in Leipzig, die damals kaum ein westdeutscher Bibliothekar je betrat. Vier Jahre später verfasste er in einem Fachorgan einen erstaunlich kenntnisreichen Artikel über Unzulänglichkeiten und Mängel an den Veröffentlichungen der Deutschen Bibliothek [Frankfurt a. M.].[2] Später war er Vorsitzender des Beirats der vereinigten Nationalbibliothek.

Im Grunde hatte er als Verleger nie eine andere Zielgruppe im Auge als die Bibliotheken und Bibliothekare. Ab 1972 verlegte er die Publikationen der IFLA. Kein anderer Verleger pflegte so kontinuierlich und extensiv die Kontakte zu den Erwerbungsabteilungen und Direktionen der Bibliotheken weltweit. Bei persönlichen Besuchen räumte er großzügig Rabatte ein, wenn es um Bestellungen von hochpreisigen Werken ging – wobei er die schwindelerregenden Listenpreise so kalkulierte, dass sie Rabatte auch vertrugen. Kein anderer Verleger hatte aber auch so glänzende Ideen für Verlagsprodukte, die den Bibliothekaren und Buchhändlern das Leben erleichterten. Man denke an das Verzeichnis lieferbarer Bücher oder das Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums in 310 Bänden. Saur war neugierig, erfinderisch und von fast unerschöpflicher Energie.

Kein anderer Verleger veranstaltete auch so hinreißend schöne Empfänge auf den Bibliothekartagen, bei denen niemand aus der Bibliothekswelt fehlen wollte. Es konnte einem die ganze Tagung verleiden, wenn man als junger Spund keine persönliche Einladung erhalten hatte. Da traten Zauberer auf, Handpuppenspieler, Chanson-Sängerinnen und Schriftsteller wie Elias Canetti oder Martin Walser. Seine Empfänge ermöglichten den Bibliothekaren neue Formen des Austauschs und der Selbstwahrnehmung. So hat Saur mit dafür gesorgt, dass das beamtenhaft-biedere und bürokratisch-trockene Bibliothekswesen in den 1970er und 1980er Jahren allmählich lockerer und weltoffener wurde.

Wenn auch Saurs eigentliche Domäne die mündliche Rede war, hat er als Fachautor dennoch wichtige Anstöße gegeben. Ich denke etwa an die Anthologie Aus alten Börsenblättern (1968), seine Beiträge über Bibliothekare im Exil 1933–1945,[3] Verlage im Nationalsozialismus[4] oder auch ausgesprochen witzige Artikel wie Festschriften im Bibliothekswesen.[5]

Insbesondere zum Thema Drittes Reich hatte er sich ein profundes Fachwissen angeeignet. Dazu trug nicht zuletzt ein ganzer Programmzweig seines Verlages bei, den er selbst als kleinen Akt der Kompensation für die Untaten seines Vaters betrachtete.[6] Die historischen Kenntnisse kamen ihm in seiner Rolle als Vorsitzender der Historischen Kommission des Börsenvereins zugute. Dieses Amt hat er mehr als zwanzig Jahre lang mit Leidenschaft und Geschick ausgefüllt. Unter seiner Ägide erschienen die meisten Bände der Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, zuletzt unter seiner Mitherausgeberschaft die drei Bände über die Deutsche Demokratische Republik – auch ein Gebiet, auf dem er sich auskannte wie kaum ein anderer. Hier zeigte sich noch einmal eine andere Seite des Klaus Saur: Neben dem einfallsreichen Verleger und glänzenden Redner stand der historische Aufklärer. Was ihn als Verleger auszeichnete – die Fähigkeit, ein Thema zu erkennen, ihm beharrlich nachzugehen und andere zur Mitarbeit zu gewinnen –, kam ihm auch in seiner historischen Arbeit zugute.

Klaus Saur hat in all seinen Funktionen – als Eigentümer, angestellter Geschäftsführer, geschäftsführender Gesellschafter von de Gruyter oder als Mitglied der Gremien des Börsenvereins – das Bibliothekswesen über Jahrzehnte begleitet. Er versorgte es mit wichtigen Verlagsprodukten, förderte die internationale Zusammenarbeit und setzte sich für seine historische Aufarbeitung ein. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek hatte bei ihm einen besonderen Stein im Brett, wie auch andere Bibliotheken im Osten.

Am 4. August 2026 ist Klaus Saur gestorben. Nicht zufällig am 28. August, Goethes Geburtstag, wurde er in Pullach beigesetzt. Nun wird zur Gewissheit, dass die Rede, die er an jenem Abend vor zwei Jahren vor den Weimarer Freunden gehalten hat, eine Abschiedsrede war. Wir vermissen ihn sehr.


[1] Klaus G. Saur: Traumberuf Verleger. Hamburg 2011.

[2] In: Der Jungbuchhandel 16 (1962), 2, S. 83-85.

[3] Klaus G. Saur: Bibliothekare im Exil 1933-1945. In: Michael Knoche u. Wolfgang Schmitz (Hg.): Wissenschaftliche Bibliothekare im Nationalsozialismus. Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster. Wiesbaden 2011 (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens Bd. 46), S. 325-35.

[4] Klaus G. Saur: Verlage im Nationalsozialismus. In: Klaus G. Saur (Hg.): Verlage im “Dritten Reich”. Frankfurt am Main 2013 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderbände Bd. 109), S. 7-15.

[5] Klaus G. Saur: Festschriften im Bibliothekswesen. In: Georg Ruppelt (Hg.): Politik für Bibliotheken. Die Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände (BDB) im Gespräch ; Birgit Dankert zum Ende ihrer Amtszeit als Sprecherin der BDB. München 2000, S. 157-163.

[6] Klaus G. Saur u. Andreas Platthaus: Klaus G. Saur im Interview mit Andreas Platthaus (FAZ). In: Thomas Keiderling, Siegfried Lokatis u. Martin Hollender (Hg.): KG Saur 75. Mit einer Bibliographie. Leipzig 2016, S. 9-35, hier S. 14.

Michael Knoche
Michael Knoche
Michael Knoche war von 1991 bis 2016 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehört: Revolution… Weiterlesen

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Michael Knoche (7. September 2026). Ein geglücktes Leben – Nachruf auf Klaus G. Saur. Aus der Forschungs­bibliothek Krekelborn. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16ql2


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