Bibliothek und Museum: Eine Geschichte gemeinsamer Räume – Gespräch mit dem Architekten Karl-Heinz Schmitz
Wie und warum haben sich Bibliothek und Museum räumlich voneinander getrennt, obwohl sie historisch aus einer gemeinsamen Kultur des Sammelns, Betrachtens und Studierens hervorgegangen sind? Karl-Heinz Schmitz hat sich mit dieser Frage in einem neuen Zeitschriftenbeitrag beschäftigt und kommt zu interessanten Erkenntnissen.1 Der Autor, Jahrgang 1949, war Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Bauhaus-Universität Weimar. Zusammen mit Hilde Barz-Malfatti realisierte er 2005 das Studienzentrum mit dem Kubus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

Herr Schmitz, Sie haben in letzter Zeit sowohl Publikationen über den Bibliotheksbau wie den Museumsbau vorgelegt. Da lag es nahe, sich auch Gedanken über ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu machen.
Ich habe über dieses Thema kurioserweise nicht nachgedacht, bis mich Reinhard Laube eines Tages fragte, ob ich über das Gemeinsame und Trennende der beiden Institutionen einen Aufsatz verfassen könnte. Daraufhin habe ich mir zunächst die Grundrisse noch einmal angeschaut, die ich für die beiden Publikationen benutzt hatte, und dann zugesagt. Mir fiel auf, dass in der Antike Bibliotheken häufig vorkamen – Alexandria, Pergamon, Hadrian, Lukullus etc. –, Museen aber gar nicht genannt werden. Ob das Museion in Alexandria mit einem modernen Museum zu tun hat, ist sehr zweifelhaft. Im Grunde wissen wir aus der Antike nur von Bibliotheken, aber nicht von Museen.
Das heißt: Die beiden Institutionen hatten ursprünglich gar nicht dieselbe Geschichte?
Nein. Die Bibliothek ist als Institution wesentlich älter. Allerdings waren die antiken Bibliotheken offenbar keineswegs reine Bücherspeicher. Bei Betrachtung der Grundrisse ist eine räumliche Teilung zwischen der Bibliothek als Atrium, dem zentralen Raum, und der sich unmittelbar anschließenden Stoa, der Säulenhalle, zu bemerken. Hier wurden vermutlich Kunstwerke – Büsten oder Statuen – aufgestellt. Sicher ist, dass in der Bibliothek von Pergamon, die der Athene geweiht war, eine Statue der Göttin im Hauptsaal stand. Dort hatte das Kunstwerk allerdings eine religiöse Funktion und machte den Ort noch lange nicht zu einem Museum.
Wie sicher ist die Annahme, dass die Bücher im geschlossenen Raum und die Kunstwerke in den Wandelgängen aufbewahrt beziehungsweise präsentiert wurden?
Es gibt archäologische Anhaltspunkte dafür, literarische Quellen kann ich nicht anführen. Wenn man sich aber die weitere Entwicklung anschaut, wie sie etwa Nikolaus Pevsner beschrieben hat, zeigt sich die Tradition des Wandelgangs als Ort der Kunstpräsentation sehr deutlich. Ein Beispiel ist die Loggia der Villa Madama in Rom um 1535. Eine Zeichnung von Marten van Heemskerck zeigt dort die Aufstellung römischer Skulpturen. Auch die Galerie des Schlosses Fontainebleau unter Franz I. lässt sich in diesem Zusammenhang nennen. Sie ist so angelegt, dass sie den Raumtypus des Flures geradezu konterkariert, weil Architektur, Wanddekoration und Gemälde durch ihre Fülle jedes rasche Durchschreiten verhindern.
Was verändert sich in Renaissance und früher Neuzeit? Zeigt sich dort die Verbindung von Büchern, Kunstwerken und Orten des Studiums besonders deutlich?
Ja. In den Studiolos, Kunst- und Wunderkammern lassen sich beide Funktionen in einem Raum vereint vorfinden. Auf einer Abbildung der Kunstkammer des neapolitanischen Humanisten Ferrante Imperato von 1599 sieht man Menschen, die angesichts der Fülle der Kuriositäten staunen. In einer Abbildung des Kabinetts des Caspar Friedrich Neickel von 1727 sind die Dinge schon sehr geordnet. In der Mitte des Zimmers stehen Tisch und Stuhl, an dem eine einzelne Person zum Studieren Platz genommen hat. Hier begegnen sich zwei Formen der Aneignung: Die eine dient der Unterhaltung und dem Staunen, die andere der praktischen Nutzung und Erforschung.
Wann beginnt sich daraus der Unterschied zwischen Bibliothek und Museum zu entwickeln?
Entscheidend ist die unterschiedliche Art des Umgangs mit den Dingen. Das Museum entwickelte sich zu einer Institution des Zeigens, während die Bibliothek immer ausschließlicher auf die Nutzung der Bücher ausgerichtet wurde. Kunstwerke werden im Museum zunehmend vom Gebrauch ausgeschlossen und als Exponate präsentiert, die der Betrachter gar nicht mehr berühren kann. Bücher wurden in den Bibliotheken des Barock zwar auch gezeigt – der Reichtum der Fürsten- und Klosterbibliotheken wurde eindrucksvoll inszeniert –, aber die Bücher konnten auch benutzt werden. Dieser Trend setzte sich fort. Damit entstand eine grundlegende Differenz zwischen beiden Institutionen.
Hat diese funktionale Differenzierung auch Konsequenzen für die Architektur gehabt?
Ja. Seit dem 19. Jahrhundert wurden keine großen Bibliotheksräume mehr ohne Arbeitsplätze für die Nutzer gebaut. Die Bibliothek wurde damit immer stärker auf die Nutzung ihrer Bestände ausgerichtet. Bei den Museen verstärkte sich dagegen die Orientierung des Raumes auf Präsentation und Betrachtung. Die Funktionsaufteilung zwischen den Raumtypen ist dabei allerdings nicht mehr eindeutig. Man findet das Atrium, zum Beispiel in Form eines Kuppelsaals, sowohl im Museum als auch in der Bibliothek.
Die Institutionen unterscheiden sich also zunehmend in ihrer Nutzung, die Architektur bleibt aber zunächst erstaunlich verwandt?
Genau. Das British Museum mit seinem von Antonio Panizzi initiierten runden Lesesaal und den umgebenden Magazinen steht exemplarisch für die Verbindung von Museum, Bibliothek, Bildung und wissenschaftlicher Nutzung. Auch das Alte Museum in Berlin zeigt, wie gut sich zentrale Hallen, Rotunden und langgestreckte Räume beiden Institutionen zuordnen ließen. Bei Museen des 19. Jahrhunderts verweist die Dekoration der Räume bisweilen noch symbolisch auf ihre Funktion als Museum. In der Moderne passiert dann etwas Neues. Da verschwinden sogar Dekoration und Ornamente. In der Stockholmer Stadtbibliothek von Gunnar Asplund von 1927 wird die Funktion des Gebäudes nur noch durch die sichtbare Präsenz der Bücher ausgedrückt.
Wenn sich also selbst die Raumformen immer weniger eindeutig einer Institution zuordnen lassen: Woran werden die Unterschiede dann noch sichtbar?
Nur noch durch die Art der Nutzung – nicht mehr durch die Dekoration der Räume und nicht mehr durch die Grundrisse.
Wie verhält sich dazu das Guggenheim Museum in New York von Frank Lloyd Wright? In einem solchen Gebäude, in dem die Rampe das zentrale Gestaltungselement bildet, könnte man doch beim besten Willen keine Bibliothek unterbringen!
Die Unterbringung von Büchern und Tischen auf der Rampe wäre in der Tat sehr schwierig. Das Guggenheim Museum ist ein Beispiel für die Auseinandersetzung der Moderne mit dem fließenden Raum. Mit diesem Entwurf fand Wright eine einzigartige Lösung für ein Museum in New York, einer Stadt, in der kleinere Grundstücke nur mehrstöckige Gebäude zulassen. Natürlich kann eine konkrete Raumform bestimmte Nutzungen ermöglichen oder ausschließen. Aber daraus folgt noch kein eindeutiger Raumtypus für Museum oder Bibliothek. Auch im Bibliotheksbau lässt sich eine Hinwendung zum offenen, fließenden Raum erkennen. Für die Bibliotheken sei als Beispiel die Martin Luther King Memorial Library in Washington D.C. genannt. Entscheidend bleibt also die Frage, wie die Dinge in einem solchen Raum behandelt und genutzt werden.
Das Guggenheim-Beispiel scheint Ihrer These zunächst zu widersprechen. Wie lässt sich beides zusammenbringen?
Die Raumform ist natürlich nicht bedeutungslos. Sie kann bestimmte Nutzungen ermöglichen oder verhindern. Aber sie definiert noch nicht, ob ein Raum ein Bibliotheks- oder Museumsraum ist. Bibliothek und Museum können sich derselben architektonischen Grundformen bedienen und sie doch unterschiedlich nutzen.
Dann geht es in Ihrer Kernthese letztlich weniger um die Form des Raumes als um die Art der Nutzung, die sich in ihm abspielt?
Genau. Nicht die Raumform, sondern die Art des Umgangs mit den Dingen erzeugt letztlich den Unterschied zwischen Bibliothek und Museum.
Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sind Bibliotheken eine reizvolle Bauaufgabe für Architekten? Welchen Stellenwert hat das Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek für Sie gehabt?
Für mich gehört es zu den seltenen Glücksmomenten, eine Bibliothek bauen zu dürfen. Besonders eine Forschungsbibliothek, die sich noch auf Räume festlegt, die eine konzentrierte Atmosphäre haben. Also, das war schon eine außerordentliche Chance, genau diesen Wettbewerb gewonnen zu haben.
- Karl-Heinz Schmitz: Zur Symbiose von Bibliotheks und Museumsräumen Ein kurzer historischer Abriss. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 73 (2026), 4, S. 218-227. https://doi.org/10.3196/1864-2950-2026-4-218 [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (28. September 2026). Bibliothek und Museum: Eine Geschichte gemeinsamer Räume – Gespräch mit dem Architekten Karl-Heinz Schmitz. Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16upw

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