Kulturelles Erbe? Eine Anmerkung
„Die Deutsche Digitale Bibliothek bietet über das Internet umfassenden Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands“, heißt es auf der Einstiegsseite der Kultursuchmaschine.1 Auf der Website der Bayerischen Staatsbibliothek ist von der Erhaltung des „wertvollen schriftlichen Kulturerbes“ die Rede.2 Die Klassik Stiftung will „das kulturelle Erbe Weimars auf neue Weise lebendig werden“ lassen3. Auch eine von Creative Commons initiierte Bewegung für freien Zugang zu gemeinfreien Kulturgütern nennt sich Open Heritage Coalition.

Die Erbe-Metapher wird seit den 1990er Jahren verstärkt auch im deutschen Bibliothekswesen gebraucht – als Sammelbegriff für aus der Vergangenheit überkommenes Kulturgut. Der Vorteil: „Erbe“ klingt nach einer klaren, quasi selbstverständlichen Kontinuität von Generation zu Generation. „Erbe“ darf nicht vergeudet, sondern muss bewahrt werden – das erleichtert in Finanzierungsdebatten die politische Legitimation. Historische Bestände verwandeln sich so in eine gesellschaftlich relevante Hinterlassenschaft. „Cultural heritage“ ist global verständlich und in UNESCO-, EU- und Förderdiskursen allgegenwärtig.
Der Begriff „kulturelles Erbe“ ist aus mehreren Gründen problematisch bzw. mindestens hochgradig voraussetzungsreich. Erstens suggeriert er Homogenität. Tatsächlich ist kulturelle Überlieferung jedoch selektiv, konflikthaft und konstruiert. Nicht alles aus der Vergangenheit wird „kulturelles Erbe“; bestimmte Dinge werden aktiv ausgewählt, aufgewertet und institutionell geschützt, andere vergessen oder verdrängt. Es ist daher nie neutral, sondern Ergebnis kultureller und politischer Entscheidungen.
Zweitens impliziert der Begriff Besitzansprüche, als gäbe es ein einheitliches „deutsches“ oder „europäisches“ Erbe. Wessen Erbe ist etwa die jüdisch-deutsche Exilliteratur in der Deutschen Nationalbibliothek?
Drittens kann der Heritage-Begriff Bestände symbolisch nationalisieren oder sakralisieren. Handschriften und historische Bücher in Bibliotheken erscheinen dann nicht nur als Artefakte der Vergangenheit oder Arbeitsmaterial wissenschaftlicher Praxis, sondern, auratisch aufgeladen, als identitätsstiftende „Schätze“.
Eindringliche Bemerkungen zur Herkunft und Verbreitung des Begriffs und der Umwandlung von Überlieferung in Erbe („heritagization“) verdanken wir Bernhard Fabian.4
Es wird Zeit, dass Bibliotheken die „Erbe“-Metapher reflektierter und vorsichtiger einsetzen. Neutralere Begriffe wie “historische Bestände” oder “kulturelle Überlieferung” wären präziser.
- https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/ [↩]
- https://www.bsb-muenchen.de/ueber-uns/direktionabteilungen/ibr/ [↩]
- https://www.klassik-stiftung.de/ihr-besuch/themenjahre/oeffnen-2026/#c32167 [↩]
- Bernhard Fabian: Die Kulturelle Uberlieferung als Sammlung, in: Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken, hrsg. v. Michael Knoche, Wiesbaden 2017, S. 19-37. (Bibliothek und Wissenschaft Band 50). [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (1. Juni 2026). Kulturelles Erbe? Eine Anmerkung. Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 12. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16b7m

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[…] https://biblio.hypotheses.org/13872 […]