Reinhold Köhlers Lebensende war so dramatisch, dass es sein Lebenswerk beinahe verdunkelt hätte: Der Weimarer Bibliothekar starb 1892 an den Folgen eines Sturzes von der Bibliotheksleiter. Während er einem Benutzer – angeblich handelte es sich um den jungen Rudolf Steiner – ein Buch herunterreichte, stürzte er, bereits über sechzig Jahre alt, und zog sich so schwere Verletzungen zu, dass er sich nie wieder davon erholte....
Die ostdeutschen wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Mauerfall (3) Im Prozess der Wiedervereinigung stellte sich heraus, dass der Öffentliche Dienst der DDR nach westlichen Maßstäben stark überbesetzt war. In der alten Bundesrepublik waren rund 7 %, in der ehemaligen DDR aber rund 12% aller Einwohner im öffentlichen bzw. Staatsdienst tätig.1 Daher gehörten auch umfangreiche Stellenkürzungen zum Aufgabenfeld der Unterhaltsträger der ostdeutschen wissenschaftlichen Bibliotheken. Der Einigungsvertrag vom...
Die ostdeutschen wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Mauerfall (1) In dem z. Z. meistgelesenen Buch (zumindest im Osten Deutschlands) von Dirk Oschmann (Der Osten: eine westdeutsche Erfindung, 2023) schreibt der 1967 in Gotha geborene Autor über seine Studienjahre: “An der Philosophischen Fakultät der Universität Jena sind bis Mitte der Neunzigerjahre fast alle Professuren mit Wissenschaftlern aus dem Westen besetzt worden.” (S. 65) Er sieht “in der...
Kann man als Bibliothekar die Bücherverbrennung gutheißen? Eigentlich sind Bibliothekare von ihrer Berufsethik her gefeit gegen jede Sympathie mit Zensurmaßnahmen. Aber nicht nur der Bibliothekar Wolfgang Herrmann (1904-1945) hat im Vorfeld der von der Deutschen Studentenschaft am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin inszenierten Aktion “Schwarze Listen” erstellt. Auch Fritz Prinzhorn (1893-1867), Direktor der Bibliothek der Technischen Hochschule Danzig, trug im Nachhinein sein...
Generationen von Bibliothekaren kannten Friedrich Adolf Ebert als den Bibliothekar, der von einer Bibliotheksleiter gestürzt und an den Folgen des Sturzes verstorben ist. Seither gilt der Leitersturz als typischer Bibliothekarstod und irgendwie ehrenvoll. Konstantin Karl Falkenstein nannte ihn in seinem Nachruf auf Ebert sogar „schön“ und einen, „der wol gleich nach dem Tode für das Vaterland gesetzt zu werden verdient.“ Doch nun ist das historische...
[Fortsetzung des Blogbeitrags vom 1. März 2021] Einer der Supplikanten, die sich an Georg Leyh wandten, um von ihm eine entlastende Stellungnahme zu seiner NS-Vergangenheit zu erhalten, war Fritz Prinzhorn (1893-1967), ehemals Direktor der Bibliothek der Technischen Hochschule Danzig und der Universitätsbibliothek Leipzig. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelingt ihm der Wiedereinstieg ins Bibliothekswesen 1949 zunächst in Bremen, dann in Bonn in der Bibliothek des Auswärtigen...
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandten sich viele belastete Bibliothekare an Georg Leyh, den Direktor der Universitätsbibliothek Tübingen von 1921-1947. Sie baten ihn um Gutachten, um als harmlose „Mitläufer“ des Regimes eingestuft und wieder ins Beamtenverhältnis aufgenommen werden zu können. Leyh hatte sich in der Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht mit den Nationalsozialisten eingelassen, obwohl er an exponierter Stelle tätig war: u.a. in der Rolle...
Im neuen Heft der Literaturzeitschrift Die Horen bedient sich die österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer der selten genutzten Gattung der Bibliotheksbiographie. In ihrem Text schildert sie, wie sie als Kind in der Schulbibliothek Bücher sortiert hat, bevor sie überhaupt lesen konnte, später in der Gemeindebibliothek Bücher über reisende Familienchöre oder Maria Theresia ausgeliehen hat und als Teenagerin in der Gymnasialbibliothek der Literatur begegnet ist. Als Studentin...
Goethe wusste, dass er die Bibliotheksreform nicht ohne die tätige Mitwirkung des Personals durchführen konnte und versuchte, die fünf Bediensteten der Bibliothek in jeder Weise zu motivieren, aber auch zu kontrollieren. Um einen besseren Überblick zu gewinnen, forderte er sie auf, ihre Geschäfte Tag für Tag in einem „Dienstdiarium“ zu protokollieren, so wie er selber für sich Tagebuch geführt hat. Der Zweck der Anordnung wird...
Als vordringlich betrachtete die neue Oberaufsicht, nämlich die Geheimen Räte Johann Wolfgang Goethe und Christian Gottlob Voigt, die Reform des Benutzungsbetriebs. Sie formulierte einen ganzen Katalog von Fragen an den leitenden Bibliothekar. Auf die Frage, wieviel Bände zur Zeit ausgeliehen seien, erhielten sie eine überraschende Antwort. Christoph Ferdinand Spilker erklärte sich schriftlich folgendermaßen: „Eine sehr große Anzahl u. möchte sich solche wohl auf 1200 Bücher...
Das Dorf Staucha, etwa auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden gelegen und bereits 1259 erstmals erwähnt, hat es bisher nicht zu überregionaler Bekanntheit gebracht. Doch jeder Paketdienstmitarbeiter ganz Sachsens kennt den Ort, der heute zur Gemeinde Stauchitz gehört. Ständig werden hier Bücher aus aufgelösten Bibliotheken angeliefert, ständig verlassen Pakete mit antiquarischen Büchern den Ort. […]
Wie und warum haben sich Bibliothek und Museum räumlich voneinander getrennt, obwohl sie historisch aus einer gemeinsamen Kultur des Sammelns, Betrachtens und Studierens hervorgegangen sind? Karl-Heinz Schmitz hat sich mit dieser Frage in einem neuen Zeitschriftenbeitrag beschäftigt und kommt zu interessanten Erkenntnissen.1 Der Autor, Jahrgang 1949, war Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Bauhaus-Universität […]
Vor einigen Wochen fand im Auswärtigen Amt in Berlin eine Veranstaltung statt, die zwiespältige Gefühle hinterließ. Verschiedene deutsche Institutionen übergaben der polnischen Kulturministerin Kulturgüter, die während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg entzogen oder verlagert worden waren. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz etwa überließ dem polnischen Staat eine mittelalterliche Handschrift, die einen Teil des Textes […]
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