Reinhold Köhlers Lebensende war so dramatisch, dass es sein Lebenswerk beinahe verdunkelt hätte: Der Weimarer Bibliothekar starb 1892 an den Folgen eines Sturzes von der Bibliotheksleiter. Während er einem Benutzer – angeblich handelte es sich um den jungen Rudolf Steiner – ein Buch herunterreichte, stürzte er, bereits über sechzig Jahre alt, und zog sich so schwere Verletzungen zu, dass er sich nie wieder davon erholte....
Irgendwann musste die Diskussion einmal geführt werden: In den frühen 2000er Jahren verschwanden reihenweise die alten Zettelkataloge aus den Eingangsbereichen der Bibliotheken. Die Online-Kataloge hatten ihre Aufgabe übernommen. Fast nie wurden sie vernichtet, sondern zunächst in dunkle Ecken des Gebäudes oder des Magazins verschoben, wo sie seither ein unbeachtetes Dasein fristen, besonders wenn sie außerhalb der Bibliothek gelagert werden. Hat lange Zeit kein Mensch mehr...
Auf den ersten Blick scheint Provenienzrecherche für die Kultureinrichtungen eine besonders undankbare und triste Aufgabe zu sein. Im Fall der Ermittlung von Raubgut kann der ganze Aufwand am Ende in eine Bestandsminderung oder Zahlungsverpflichtung münden. Doch die aufgeklärten Provenienzen lassen die untersuchten Objekte in neuem Licht erscheinen. Den Objekten wird sozusagen ihre Biographie zurückgegeben. Sie werden in ihrem historischen Sammlungs- und Gebrauchskontext verortet. Selbst Bücher,...
Horst Köhler, der ehemalige Bundespräsident, ist am 1. Februar 2025 im Alter von 81 Jahren gestorben. Seine Amtszeit zwischen 2004 und 2010 fiel in einen auch für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek einschneidenden Zeitraum: Brand der Bibliothek 2004, Eröffnung des Studienzentrums 2005 und Wiedereröffnung des sanierten Bibliotheksgebäudes 2007. In dieser Phase und später im Zusammenhang mit den Bemühungen um die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts bin...
Einen Wendepunkt markiert die Washingtoner Konferenz von 1998. In ihrer Folge steht die Ermittlung von NS-Raubgut ganz oben auf der Agenda der Bibliotheken. Auch Bücher, die im Zuge der Bodenreform bzw. von DDR-Unrecht oder in kolonialen Kontexten in die Bibliotheken gelangt sind, gerieten seither in den Fokus. Durch den von außen kommenden Druck waren die Bibliotheken gezwungen, ihre Provenienzforschung zu professionalisieren und methodisch weiterzuentwickeln. (…)...
Während man in regulären Bibliothekskatalogen Provenienzhinweise lange Zeit vergeblich sucht, enthielten Inkunabelkataloge schon früh Angaben über die Vorbesitzer und exemplarspezifische Besonderheiten – weil die verzeichneten Drucke aus der Zeit vor 1500 meist sehr kostbar waren. Bekannte Provenienzen avancierten zum Kaufargument. Privatsammler, bibliophile Gesellschaften, Antiquare und Dichtermuseen haben das Ihrige dazu beigetragen, dass Bibliotheken die Frage nach den Vorbesitzern ihrer Bestände nicht länger ignorieren konnten. In...
Jahrhundertelang war es Hauptanliegen der Bibliothekare, Bücher vor allem nach sachlichen Gesichtspunkten aufzustellen. Zeichen für eine wohlgeordnete Bibliothek war die genaue Klassifizierung der Bücher nach Fächern. Inhaltlich Zusammengehöriges sollte nahe beieinanderstehen, um möglichst auf einen Blick erkennen zu lassen, welche Publikationen für ein Thema einschlägig sind. Der Ordo-Gedanke des Barock war noch immer bestimmend. Bei der Neuordnung der Jenaer Schlossbibliothek im Jahre 1817 hat Goethe...
Dass Bibliotheken Gräber verstorbener Dichter sind, mag im metaphorischen Sinne schon immer gegolten haben. Nicht immer kann das kulturelle Gedächtnis das Weiterleben ihrer Werke bewirken. Aber dass Bibliotheken reale menschliche Überreste enthalten, kommt doch nicht sehr häufig vor. Im Altertum ließ sich der ehemalige Konsul Iulius Celsus aus Ephesus im Zentrum der Stadt eine Bibliothek errichten und um 117 n. Chr. an diesem Ort auch...
(Aus der Serie: Auf schwankender Bibliotheksleiter, 11) Ende Oktober gibt es in Weimar oft schon den ersten Nachtfrost, und im (früher nicht temperierten) Rokokosaal sanken die Temperaturen gelegentlich auf 12 Grad ab. Die letzte Veranstaltung, bei der die Zuhörer in Mänteln auf Klappstühlen saßen, fand stets am 24. Oktober statt – „stets“ heißt, seitdem die Bibliothek ihren Namen geändert hatte und den Geburtstag der neuen...
Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft hat sich anlässlich des 300. Geburtstages des Dichters 1864 in Weimar konstituiert und gleichzeitig in den Räumen der Großherzoglichen Bibliothek eine Shakespeare-Bibliothek ins Leben gerufen. Der Beitrag fragt vor allem danach, für wen die Bibliothek von Nutzen war, wer von ihr profitiert hat, wer mit ihren Büchern umgegangen ist. Im 20. Jahrhundert gehörten vor allem Theater, Verlage und Schulen zu den Kunden....
Das Dorf Staucha, etwa auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden gelegen und bereits 1259 erstmals erwähnt, hat es bisher nicht zu überregionaler Bekanntheit gebracht. Doch jeder Paketdienstmitarbeiter ganz Sachsens kennt den Ort, der heute zur Gemeinde Stauchitz gehört. Ständig werden hier Bücher aus aufgelösten Bibliotheken angeliefert, ständig verlassen Pakete mit antiquarischen Büchern den Ort. […]
Wie und warum haben sich Bibliothek und Museum räumlich voneinander getrennt, obwohl sie historisch aus einer gemeinsamen Kultur des Sammelns, Betrachtens und Studierens hervorgegangen sind? Karl-Heinz Schmitz hat sich mit dieser Frage in einem neuen Zeitschriftenbeitrag beschäftigt und kommt zu interessanten Erkenntnissen.1 Der Autor, Jahrgang 1949, war Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Bauhaus-Universität […]
Vor einigen Wochen fand im Auswärtigen Amt in Berlin eine Veranstaltung statt, die zwiespältige Gefühle hinterließ. Verschiedene deutsche Institutionen übergaben der polnischen Kulturministerin Kulturgüter, die während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg entzogen oder verlagert worden waren. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz etwa überließ dem polnischen Staat eine mittelalterliche Handschrift, die einen Teil des Textes […]
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