Die Integration der wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR hat das gesamtdeutsche Bibliothekssystem in mehrfacher Hinsicht verändert und eine „Kotransformation“ im Sinne von Philipp Ther ausgelöst: Die Durchsetzung des sogenannten einschichtigen Bibliothekssystems offenbart eine bemerkenswerte historische Ironie: Ursprünglich vom westdeutschen Wissenschaftsrat in den 1960er Jahren empfohlen, wurde das Konzept in der DDR durch die Bibliotheksverordnung von 1968 und die Anweisung 22/1969 rigoros umgesetzt. Während westdeutsche Traditionsuniversitäten noch...
Auf den ersten Blick scheint Provenienzrecherche für die Kultureinrichtungen eine besonders undankbare und triste Aufgabe zu sein. Im Fall der Ermittlung von Raubgut kann der ganze Aufwand am Ende in eine Bestandsminderung oder Zahlungsverpflichtung münden. Doch die aufgeklärten Provenienzen lassen die untersuchten Objekte in neuem Licht erscheinen. Den Objekten wird sozusagen ihre Biographie zurückgegeben. Sie werden in ihrem historischen Sammlungs- und Gebrauchskontext verortet. Selbst Bücher,...
Einen Wendepunkt markiert die Washingtoner Konferenz von 1998. In ihrer Folge steht die Ermittlung von NS-Raubgut ganz oben auf der Agenda der Bibliotheken. Auch Bücher, die im Zuge der Bodenreform bzw. von DDR-Unrecht oder in kolonialen Kontexten in die Bibliotheken gelangt sind, gerieten seither in den Fokus. Durch den von außen kommenden Druck waren die Bibliotheken gezwungen, ihre Provenienzforschung zu professionalisieren und methodisch weiterzuentwickeln. (…)...
Während man in regulären Bibliothekskatalogen Provenienzhinweise lange Zeit vergeblich sucht, enthielten Inkunabelkataloge schon früh Angaben über die Vorbesitzer und exemplarspezifische Besonderheiten – weil die verzeichneten Drucke aus der Zeit vor 1500 meist sehr kostbar waren. Bekannte Provenienzen avancierten zum Kaufargument. Privatsammler, bibliophile Gesellschaften, Antiquare und Dichtermuseen haben das Ihrige dazu beigetragen, dass Bibliotheken die Frage nach den Vorbesitzern ihrer Bestände nicht länger ignorieren konnten. In...
Jahrhundertelang war es Hauptanliegen der Bibliothekare, Bücher vor allem nach sachlichen Gesichtspunkten aufzustellen. Zeichen für eine wohlgeordnete Bibliothek war die genaue Klassifizierung der Bücher nach Fächern. Inhaltlich Zusammengehöriges sollte nahe beieinanderstehen, um möglichst auf einen Blick erkennen zu lassen, welche Publikationen für ein Thema einschlägig sind. Der Ordo-Gedanke des Barock war noch immer bestimmend. Bei der Neuordnung der Jenaer Schlossbibliothek im Jahre 1817 hat Goethe...
Dr. Jürgen Weber ist Abteilungsleiter für Bestände der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und war viele Jahre lang auch dessen stellvertretender Direktor. Er hat die Provenienzverzeichnung an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek etabliert und das sogenannte Weimarer Modell entwickelt. In diesen Tagen erscheint sein Buch Sammeln nach 1998. Wie Provenienzforschung die Bibliotheken verändert. Im 2. Teil des Gesprächs1 geht es um die Frage, warum trotz Provenienzforschung...
Dr. Jürgen Weber ist Abteilungsleiter für Bestände der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und war viele Jahre lang auch dessen stellvertretender Direktor. Er hat das Gesamtkonzept für die Sicherung und Erhaltung der Sammlungen, insbesondere nach dem Bibliotheksbrand von 2004, entworfen und geleitet. Auch die Strategie zur Erschließung der Sondersammlungen geht wesentlich auf ihn zurück. In diesem Zusammenhang hat er die Provenienzverzeichnung an der Herzogin Anna Amalia...
Sie haben sich in der letzten Zeit intensiv mit der Frage befasst, wie gut die Ressourcen der deutschen Bibliotheken insgesamt erschlossen sind.[1] Wie beurteilen Sie die Katalogunternehmen, die die Bibliotheken überregional betreiben? Einerseits ist Deutschland mit seiner Vielzahl an Katalogen hervorragend aufgestellt. Andererseits beobachte ich ein erlahmendes Interesse, die vielen guten Ansätze zusammenzuführen und am Ende auch eine europäische Plattform daraus zu machen. Ich habe...
Zum internationalen Tag der Provenienzforschung In diesem Jahr fand am 10. April erstmals ein Tag der Provenienzforschung statt. Zukünftig soll der Aktionstag einmal jährlich, jeweils am zweiten Mittwoch im April stattfinden. Der Tag, der in der Öffentlichkeit schon ein erstaunlich breites Echo gefunden hat, ist notwendig, um an die Verpflichtung der Museen, Archive und Bibliotheken zu erinnern, die Herkunft ihrer eigenen Bestände zu...
20 Jahre nach der Washingtoner Erklärung in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, werden die deutschen Bibliotheken, Museen und Archive von zwei weiteren Freveltaten der Geschichte eingeholt: Einerseits rückt das Kulturgut aus kolonialen Kontexten massiv in den Vordergrund. Die deutsche Politik möchte mit dem Tempo, das der französische Staatspräsident in dieser Frage vorgelegt hat, Schritt halten. Andererseits steht das DDR-Unrecht auf der...
Das Dorf Staucha, etwa auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden gelegen und bereits 1259 erstmals erwähnt, hat es bisher nicht zu überregionaler Bekanntheit gebracht. Doch jeder Paketdienstmitarbeiter ganz Sachsens kennt den Ort, der heute zur Gemeinde Stauchitz gehört. Ständig werden hier Bücher aus aufgelösten Bibliotheken angeliefert, ständig verlassen Pakete mit antiquarischen Büchern den Ort. […]
Wie und warum haben sich Bibliothek und Museum räumlich voneinander getrennt, obwohl sie historisch aus einer gemeinsamen Kultur des Sammelns, Betrachtens und Studierens hervorgegangen sind? Karl-Heinz Schmitz hat sich mit dieser Frage in einem neuen Zeitschriftenbeitrag beschäftigt und kommt zu interessanten Erkenntnissen.1 Der Autor, Jahrgang 1949, war Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Bauhaus-Universität […]
Vor einigen Wochen fand im Auswärtigen Amt in Berlin eine Veranstaltung statt, die zwiespältige Gefühle hinterließ. Verschiedene deutsche Institutionen übergaben der polnischen Kulturministerin Kulturgüter, die während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg entzogen oder verlagert worden waren. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz etwa überließ dem polnischen Staat eine mittelalterliche Handschrift, die einen Teil des Textes […]
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