Irgendwann musste die Diskussion einmal geführt werden: In den frühen 2000er Jahren verschwanden reihenweise die alten Zettelkataloge aus den Eingangsbereichen der Bibliotheken. Die Online-Kataloge hatten ihre Aufgabe übernommen. Fast nie wurden sie vernichtet, sondern zunächst in dunkle Ecken des Gebäudes oder des Magazins verschoben, wo sie seither ein unbeachtetes Dasein fristen, besonders wenn sie außerhalb der Bibliothek gelagert werden. Hat lange Zeit kein Mensch mehr...
Für die Kultur- und Geisteswissenschaften ist die Bereitstellung von Büchern und Zeitschriften des 20. Jahrhunderts essenziell. Bestimmte wissenschaftlich relevante Publikationen sind nur auf Papier erschienen und wurden bisher nicht retrodigitalisiert. Das liegt am Urheberrecht: Werke werden erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors gemeinfrei, d.h. Urheber müssen vor 1955 gestorben sein, um ihre Bücher ohne weiteres ins Netz stellen zu können. Über die Digitalisierungsquote...
Der Zweite Weltkrieg hat fast 6 Mio. polnischen Zivilisten das Leben gekostet. Daneben wurden von Nazi-Deutschland auch Millionen von polnischen Büchern zerstört oder gestohlen. Unter anderem wurden die wertvollsten Sondersammlungen der Polnischen Nationalbibliothek (Alte Drucke, Handschriften, Musikalien, Graphik und Karten), die in der Krasiński-Bibliothek zusammengeführt worden waren, nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im Oktober 1944 von einem deutschen Kommando – mutwillig und nicht im...
Die ostdeutschen wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Mauerfall (8) Was war in Augen der heikelste Moment im Vereinigungsprozess? Besonders kompliziert wurde es, als Abteilungen zusammengelegt und eine einzige Katalogabteilung, eine Handschriftenabteilung, eine Musikabteilung usw. gebildet wurden. Mir war klar, dass man nichts doppelt machen könne. Ich erinnere mich an Szenen, wo Mitarbeiter tränenüberströmt vor mir saßen und sich nicht in das andere Haus versetzen lassen wollten....
Die ostdeutschen wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Mauerfall (7) Welche Position hatten Sie 1990 in der Bibliothek inne? Ich wurde 1973 bei der Deutschen Staatsbibliothek angestellt und im Juni 1990 aus der Handschriften-Abteilung in die Generaldirektion versetzt. Man suchte jüngere, unbelastete Leute, die mit Leitungsaufgaben bisher nichts zu tun gehabt hatten. Meine erste große Aufgabe als wissenschaftliche Referentin war, die damals 456 Mitarbeiter der Deutschen Staatsbibliothek...
Vor dreißig Jahren, am 12. September 1990, fand in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ein Pressegespräch über die „Bibliotheken im vereinigten Deutschland“ statt, veranstaltet von der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände. Vereinigt war Deutschland zu diesem Zeitpunkt, genaugenommen, noch nicht. Am gleichen Tag wurde der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet, acht Tage später erst stimmten die Volkskammer der DDR und der Deutsche Bundestag dem Einigungsvertrag zu, der am 3. Oktober...
Frau Professor Weiss, Sie waren als Kulturstaatsministerin in der Regierung Schröder von 2002 bis 2005 qua Amt auch Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Später waren Sie viele Jahre lang Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie e.V. Sie haben die Stiftung also aus verschiedenen Perspektiven intensiv kennengelernt. War es aus Ihrer Sicht an der Zeit und zielführend, den Wissenschaftsrat mit einer Evaluation zu beauftragen? Ich selbst...
Der Gedanke einer deutschen Nationalbibliothek stand nach der Reichsgründung von 1871 auf der kulturpolitischen Agenda. Im Blick auf Frankreich, Großbritannien und andere Nachbarstaaten wurde den Deutschen das Fehlen einer lückenlosen Sammlung der Buchproduktion und somit ein die Einheit der Nation repräsentierendes Bucharchiv schmerzlich bewusst. Die Königliche Bibliothek in Berlin vertrat diesen Sammelanspruch zwar, aber sie war in der Realität weit davon entfernt, ihn erfüllen zu...
Eine Buchbesprechung (Forts. vom 6. Juli 2026) Eher noch als Leibniz dürfte Herzog Anton Ulrich ein starker Einfluss auf seinen eigenen Repräsentationsbau zuzubilligen sein. Dafür spricht nicht nur die Summe von 195.000 Talern – etwa ein Drittel der jährlichen Staatseinnahmen –, die er dafür aufbrachte, sondern auch sein nachweisliches Interesse an der Baukunst. In seinem […]
Eine Buchbesprechung Warum sollte man sich heute mit einem Bibliotheksbau befassen, der 1711 vollendet, 1723 bezogen und 1887 wegen Baufälligkeit und Brandgefahr abgerissen wurde? Er prägte nicht einmal den Stil späterer Bibliotheken – abgesehen vielleicht von Johann Bernhard Fischer von Erlachs Hofbibliothek in Wien (1726). Dennoch gibt es gute Gründe, sich für diese verschwundene Architektur […]
In den Universitätsbibliotheken dominieren heute digitale Publikationen. Gedruckte Bücher werden meist nur noch angeschafft, wenn es keine elektronische Alternative gibt oder besondere Gründe dafürsprechen.(Vgl. z. B. meinen Blogpost vom 2. Juni 2025) Um die Veränderungen in den Blick zu bekommen, die die Bibliotheken in den letzten zweihundert Jahren durchgemacht haben, versetzen wir uns einen Augenblick […]
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